Aufgrund des unsteten politischen und wirtschaftlichen Klimas im Land ist der venezolanische Anleihenmarkt 2019 wieder ins Rampenlicht gerückt. Der amtierende Präsident Nicolas Maduro wird durch eine Kombination aus heimischen und externen Faktoren zunehmend unter Druck gesetzt, zurückzutreten, womit die «Ära Chavez» endgültig zu Ende gehen könnte. Weltweit drängen viele Regierungen auf vorgezogene Neuwahlen in Venezuela.
Nicolas Maduro wurde im April 2013 nach dem Tod seines Vorgängers Hugo Chávez zum Präsidenten gewählt und hat die sozialistische Politik des verstorbenen Präsidenten weitgehend fortgesetzt. Unter der Führung von Maduro ist Venezuela jedoch rasant in den wirtschaftlichen und politischen Verfall abgerutscht. Dies verursachte eine humanitäre Krise, die zur Flucht von über drei Millionen Venezolanern aus dem Land führte.
Angesichts der geschlosseneren und kooperativeren Oppositionsfront unter der Führung von Juan Guaidó – der von den USA und vielen westlichen Ländern bereits als venezolanischer Interimspräsident anerkannt wird, nachdem die Wahlen im letzten Jahr allgemein als irregulär angesehen wurden – und einer neuen Welle von US-Sanktionen gegen die staatliche Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) und andere Ebenen der Regierung, steigt die Hoffnung der Anleger, dass ein Regimewechsel eine realistische Chance haben könnte. Das würde bedeuten, dass eine neue Regierung einen allmählichen Umschwung auf ein nachhaltigeres makroökonomisches System einleitet und einen überzeugenden Plan zur Schuldenrestrukturierung aufstellen würde. Aufgrund des größeren Optimismus der Marktteilnehmer sind venezolanische Staatsanleihen und PDVSA-Anleihen in den ersten Wochen des Jahres in die Höhe geschossen.
Im Rahmen der verschiedenen, in den letzten Wochen gegen Venezuela verhängten Sanktionen untersagte die Regierung Trump US-Bürgern den Kauf von PDVSA-Anleihen und weitete dieses Verbot später auf venezolanische Staatsanleihen aus. US-Anleger dürfen jedoch nach wie vor venezolanische Anleihen halten und sie an ausländische Abnehmer verkaufen. Die unmittelbare Folge dieser Sanktionen (die im Falle eines Regimewechsels aufgehoben werden dürften) war die vorübergehende Aussetzung des Handels mit diesen Anleihen an den Sekundärmärkten. Derzeit versuchen alle Market Maker die Reichweite der Sanktionen und ihren rechtlichen Spielraum für einen Handel der Anleihen zu verstehen.
Seit der Verhängung der US-Sanktionen haben alle US-Banken und deren Konzerngesellschaften den Handel mit PDVSA-Anleihen und venezolanischen Staatsanleihen eingestellt. Aktuell ist die gesamte Marktgemeinschaft, einschliesslich der Indexanbieter, damit beschäftigt, die Angelegenheit zu untersuchen um größere Klarheit zu gewinnen. Beobachtern zufolge sollen die Handelsbeschränkungen die Regierung Maduro finanziell aushungern und den Regimewechsel beschleunigen.
Unserer Meinung nach ist die finanzielle Situation immer noch unsicher und kann sich täglich ändern. Der Markt befindet sich indes im Zwiespalt zwischen den sehr interessanten Ertragspotenzialen venezolanischer Anleihen im Falle eines glaubwürdigen Regimewechsels und der Unsicherheit durch die US-Sanktionen und ihre mögliche Auslegung.
Im Moment ist es noch zu früh, um über Details einer potenziellen Veränderung der Wirtschaftspolitik nachzudenken, die ein Regimewechsel mit sich bringen könnte. Dennoch: Eine glaubwürdige Reform des venezolanischen Ölsektors – mit einer breiteren Beteiligung ausländischer Privatinvestoren in Verbindung mit einem überzeugenden Plan zur Schuldenrestrukturierung, der möglicherweise auch mit der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung des Landes verknüpft ist – könnte die Wirtschaftsaussichten Venezuelas völlig verändern und wäre für die Anleiheninhaber eine sehr positive Nachricht.
Letztlich halten wir einen Regimewechsel durchaus für möglich. Die größte Unsicherheit, mit der wir konfrontiert sind: Wir wissen nicht wann er eintreten wird. Anleger brauchen eine stabile Regierung und einen klaren Plan zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen Stabilität, um optimistisch zu bleiben. Diese Entwicklungen werden wir in den kommenden Wochen aufmerksam beobachten.
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(Foto: Alessandro Ghidini © GAM Investments)
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